Der Hovawart – Ein kleines Portrait (Teil 3)

Nach dem eher allgemeinen zweiten Teil nun wieder etwas spezifischer: Wie lernt ein Hovi?

Die Erwartungen an Hunde sind groß, heutzutage. Oft wird Gehorsam erwartet und dieser sollte bedingungslos sein. Das erwarten Hundebesitzer genauso wie Beobachter ohne Hunde. In meiner Gegenwart wird das oft erwähnt, wenn ich mit unseren dreien unterwegs bin. Ich denke mir an dieser Stelle wissen Hovi-Kenner schon ganz genau bescheid und lächeln innerlich 😉

Hovawarte lernen schnell, egal wer ihnen etwas anderes erzählt, ich habe keinen Hovawart erlebt bisher, der nicht innerhalb kürzester Zeit gelernt hätte, wo im Haus es die Leckereien gibt, wo die dafür zuständigen Verpackungen stehen, wer wie oft daran geht und welche Leckerli für ihn und welche nur im geheimen für ihn sind. Hovawarte kennen das Verhalten ihrer Besitzer innerhalb kürzester Zeit, verstehen die Launen, Bewegungsmuster und reagieren darauf. Ja ja, mir ist schon klar, dass kurz müde gelächelt wird an der Stelle, doch es ist die Basis um zu verstehen, warum ein Hovawart anders ist. Denn was passiert, wenn wir unseren Hunden Verbote aussprechen? Die erste Voraussetzung ist, dass sie das Verbot begreifen. Hierbei geht es erstmal weniger um Intelligenz als mehr darum, dass sie den Sinn dahinter verstehen, wir ihnen diesen also beigebracht haben. Ist der verstanden, akzeptieren die meisten Hunde ein „Nein“ auch als eben solches. Der Hovawart ist aber nun Wachhund. Er hat es wie ein paar andere Rassen auch in sich, selbstständig zu handeln. Das bedeutet, er hinterfragt.

Hierzu ein Beispiel: Wir haben einen Australian Shepherd. Ich lege also im Beisein des Hundes ein Leckerli auf einen Stuhl, wo sie problemlos drankommt. Kommt sie näher sag ich Nein. zwei drei Wiederholungen und unsere Aussie Dame hat das begriffen. Einen Tag später wiederhole ich das und der Aussie wird in der Nähe des Leckerchens bleiben, dieses meiden bis ich das OK gebe. Standard Übung. Dasselbe mit einem Hovawart sieht anders aus! Auch hier kommt wieder das Leckerchen hin, man bringt dem Hund bei nicht ran zugehen, der Hovi merkt sich das und nach zwei drei Wiederholungen klappt das wunderbar. Am nächsten Tag wird wieder das Leckli hingelegt. Der Hovi setzt sich in die greifbare Nähe und wartet auf die Auflösung. Jetzt juckt es Dich am Kopf, Deine Hand geht hoch um Dich zu kratzen und schwups ist das Leckerli weg (Möglichkeit 1). Oder aber, er sitzt da und beobachtet Dich, Du bist ziemlich stolz darauf, dass es geklappt hat, in dem Moment greift der Hovi zu und das Leckerli ist weg (Möglichkeit 2). Die dritte Möglichkeit ist, Du legst das Leckerli hin, sagst „Nein“, setzt Dich hin, der Hovi schaut Dich an und schnappt sich, während er Dich beobachtet das Leckerli. Die vierte Möglichkeit ist, alles klappt genau wie am Vortag.

Hovawart Besitzer haben den nötigen Humor für so etwas oder sollten ihn haben. Die Erklärungen hierfür sind:

  • Möglichkeit 1: Du hast es doch frei gegeben!
  • Möglichkeit 2: Wo Du grad so gut drauf bist, ist ja meins oder?
  • Möglichkeit 3: Das „Nein“ galt gestern, heißt es heute ich darf es nehmen?
  • Möglichkeit 4: Wenn Du meinst! Ich kriegs ja eh!

Das sind die Sätze, die ich im Kopf hab, wenn ich unsere Hovis beobachte in diesen Situationen. So wird ihr Alltag mit einem Hovawart aussehen, alle Befehle die sie geben, werden hinterfragt. Die jeweilige Reaktion hängt an dem Befehlsgeber. Wie geht es mir dabei, wie geht es mir allgemein, bin ich unsicher oder sicher, mach ich nen Spaß oder mein ich das ernst?

Du stehst seit Wochen auf dem Hundeplatz und übst die Übungen für die Prüfung. Einfach nichts funktioniert, mal ist Dieses mal ist Jenes. Du willst schon aufgeben, aber hey, was soll schon schiefgehen. Also trittst du an. An diesem Prüfungstag, du bist derart angespannt, hast die kompletten Bilder im Kopf der letzten Wochen, du glaubst alle starren dich an, deine Knie zittern, grad in dieser Situation läuft der Hovawart eine Prüfung, sowas hast du noch nicht gesehen, es funktioniert einfach alles, perfekte Winkel, immer direkt neben dir, schaut dich dauernd an, lässt sich durch NICHTS ablenken. Die paar Fehler die du gemacht hast, sind nur passiert weil du, baff wie du warst, hier oder da mal kurz vergessen hast was du da machst. Der Hovi der Wochenlang den Clown gegeben hat auf dem Hundeplatz, läuft die Prüfung seines Lebens.

Das heißt nicht, dass der Hovawart auf dem Hundeplatz eine Katastrophe ist, viel mehr zeigt mein Beispiel, dass man jederzeit mit „ungehorsam“ rechnen muss. Hovawarte sind sehr triebige Hunde, wenn sie ihre 5 Minuten kriegen, dann leben sie das. Ist man ein Besitzer /in die da mit Humor ran geht, dann lebt der Hovawart das aus. Er kann aber auch sehr konzentriert an die Sache gehen und dann perfekte Übungen abliefert. Hier ein paar kleine Regeln:

  1. Der Hovawart arbeitet nicht oder nicht gut, wenn Sie keine Lust haben! Wer an dem Tag keinen Spaß an der Sache hat, der sollte es wirklich lassen. Der Hovawart scheint dann zu denken, warum die arbeit, Lust fehlt, machen wir doch was anderes. Er versucht dann auch wirklich alles um Laune in die Sache zu bringen.
  2. Macht uns eine Übung stutzig, dann ist der Hovi raus. Also erst drüber nachdenken, dann ausführen.
  3. Es gilt ein Arbeitskreis von 3m in dem der Hovawart nicht von anderen Hunden gestört werden will. Das durch verletzen dieses Kreises folgende tiefe und dunkle Knurren ist sehr ernst zu nehmen! Dies gilt für fremde Hundebesitzer. (Ich schreib da gleich noch etwas zu)
  4. Das Arbeiten in Gruppen ist kein Problem, auch das näher kommen anderer Hunde sofern es der Situation entspricht (Unsere Haltung dazu) stellt kein Problem da. Das führen eines Hovawartes durch eine fremde Person ist komplett zu unterlassen!

Ich hab es immer wieder auf Hundeplätzen gesehen, dass Hunde frei laufen auf den Übungsbereichen. Warum soll man sie auch anleinen, schließlich macht der eigene Hund ja nichts. Diese, man verzeih mir den Ausdruck, „strunz dumme“ Einstellung nervt mich ehrlich gesagt ziemlich. Nicht umsonst gibt es so viele Rassen. Diese wurden für unterschiedlichste Aufgaben gezüchtet und haben deswegen auch komplett andere Eigenschaften. Wenn man während des Übungsbetriebes seinen Hund ohne Leine über einen Parkour schickt ist klar, ihn hinterher aber einfach rumlaufen zu lassen gefährdet andere Hunde. Meine Hündin ist auf dem Hundeplatz genau wie ich eine sehr konzentrierte Arbeiterin, sie achtet auf das was ich tue und hat gelernt die Umgebung grob nicht zu beachten. Das hat aber Grenzen. Kommt nun ein frei laufender Hund zu nahe, ist das Arbeiten gestört und wenn dann noch das tiefe Knurren ignoriert wird (meistens von den fremden Hundebesitzern, NICHT von den Hunden) dann wird es schwierig. Der Hovawart wird dann, je nach Situation die vielen und immer deutlicher werdendem Stufen der Verbotes anwenden. Da sind sie als Besitzer, als Besitzerin gefragt. Reagieren sie bitte umgehend und bitten sie den anderen Hundebesitzer Abstand zu halten. Ein Hovawart greift nicht an, er wird erst versuchen seinen Standpunkt klar zumachen. Nicht jeder, der einem Grundstück mit einem Hovawart zu nahe kommt wird angegriffen. Es wird gewarnt, dem Eindringling wird klar gemacht, dass er hier nichts zu suchen hat. Hier geht es nicht um ein aggressives Verhalten sondern um eben das was einen Wachhund ausmacht.

Trotzdem ist das Arbeiten auf dem Hundeplatz in Gruppen problemlos möglich. Zum Beispiel sehr dicht im Slalom durch andere Hunde und ihre Besitzer gehen ist kein Problem, oder aber selbst umrundet zu werden. Der Unterschied liegt hier daran, dass wir genau das fokussieren. Rennt aber ein fremder Hund einfach so dazwischen, so ist das Arbeiten gestört, unabsichtlich, es löst in uns etwas aus, das registriert der Hovawart sofort und reagiert. Er merkt dass wir genervt sind, dass es uns stört und dort liegt seine Aufgabe, das Abwenden. Viel zu oft wird auf Hundeplätzen vergessen, dass genau das bei Wachhunden gewünscht ist, sie sollen handeln und nicht fragen ob das denn nun in Ordnung ist. Wer sich also einen Hovawart anschafft, sollte das wissen. Als Besitzer muss man für seinen Hund einstehen, die meisten Hovawart Besitzer die ich Kennenlernen durfte diskutieren deswegen nicht oder sehr selten. Ich möchte hier kurz darauf hinweisen, dass durch höfliches Miteinander Probleme komplett umgangen werden könnten, wenn man einfach fragt oder akzeptiert, dass nicht jeder Hund gleich ist. Schwierig heutzutage…

Ist man nun aber „ungestört“ und hat wirklich richtig Spaß mit dem kleinen Känguruh vor sich zu arbeiten bekommt man nicht stumpfen Grundgehorsam, aber etwas, was ich heute oft vermisse auf Hundeplätzen, nämlich Spaß. Übungen des Hovawarts zum Beispiel aus dem Schutzdienst, um die Verstecke zu rennen. Schaut man danach seinem Hovawart in die leuchtenden Augen ist das doch Belohnung genug. Oder wenn der THS Parkour erfolgreich durchrannt wurde, auch wenn der Hovi meistens 3-250m vor einem durchs Ziel rennt, ist das doch eine tolle Sache? Beim Obedience ist konzentriertes Arbeiten gefragt, meistens eher die Konzentration des Besitzers, also wartet der Hovawart geduldig, ist man dann aber im Parkour liefert er, Spaß vorausgesetzt, eine super Leistung ab, denn konzentriertes Arbeiten liegt ihnen. Am besten sieht man das auf einer klassischen Fährte. Hat ein Hovawart das gelernt, liegt genau da seine Bestimmung. Hovawarte können derart hochkonzetriert auf Fährten arbeiten, dass man sie dort auch durch rufen, schubsen oder ähnliches nicht raus holt (alles selbst ausprobiert). Bildet man sie dort vernünftig aus, laufen sie nicht selten sehr gute Ergebnisse. Auch Ralley Obedience machen sie sehr gerne oder Crossdog. Aber man sollte immer mit der nötigen Priese Humor an die Sache gehen, denn es gibt halt auch Tage an denen der Hovi einfach nicht will. Naja, und dann hilft nur eins, Spielzeug raus und spielen. Er wird dann nicht arbeiten. Versucht es nicht, er wird es nicht machen.

Andere Dinge muss man ihm aber absolut gar nicht erst beibringen. Die kann er einfach. Dinge wie Wachhund sein. Wir wohnen seit über zwei Jahren hier, vor der Haustür ist ein Parkplatz und da kommt dann Fußgängerweg und Strasse. Hinter dem Haus ist das Dorf fast zu Ende, ein großer Hof, eingezäunt mit Garten der nochmal extra eingezäunt ist und ab da Felder. Ohne dass wir den Hovis je gezeigt hätten wo die Grenzen des Grundstückes liegen, durfte ich vor kurzem feststellen, dass sie es ganz genau wissen. Sie wissen auch, ohne das wir die Menschen vorgestellt haben, genau wer hier dazugehört und wer nicht. Es ist eine Mietswohnung und direkt daneben ist eine Firma und natürlich gehört denen der Hof, die Hovis wissen das ganz genau. Irgendwie müssen wir ihnen ja gezeigt haben, wer wer ist und wo das Grundstück aufhört, oder? 😉

Man braucht Hovis auch nicht beibringen wie man auf die Familie aufpasst. Der Höflichkeitsabstand von 2-3m gilt auch hier. Das wiederum braucht man auch niemandem erklären, das Knurren klärt alles. Ach und das Auto, das gehört als Bewegliches Grundstück dem Hovawart. Steht man also auf einem Parkplatz und hat wie wir dann oft das Auto offen (Hinter den Autotüren befinden sich Hundetüren, so wird es nicht stickig im inneren) gehört alles 3m um das Auto automatisch dem Hovawart. Zuwiderhandlungen und Betreten des Sicherheitsbereiches wird nicht unter 5 lauten Bellern geahndet.

Einzig was ich nicht geschafft habe, dem Hovi beizubringen ist, Bälle nach dem werfen auch wieder zurückzubringen. Es mag an unseren Hovawarten oder an mir liegen, aber das zurückbringen von Besitztümern gehört einfach nicht zu ihren Stärken.

So, wie immer bedanke ich mich, das Ihr bis hierher mitgelesen habt. Ich hoffe es half Euch, oder Ihr habt Euch wiedergefunden. Beim nächsten mal geht es ein klein wenig um Familientauglichkeit, ein paar ehrliche Worte zu der heutigen Situation im Anschaffen und Umgang und um den Abschluss dieser kleinen Vorstellung. Schaut wieder vorbei, wenn Ihr mögt 🙂

Kategorie Der Hovawart

Hundenarr, Leseratte und Quereinsteiger bei den Aussteigern. Mit offenen Augen durch die Welt gehen, Musik genießen, Musik spielen, mal schauen was da so kommt. Ich hab gern eine Meinung und mag es, wenn Standpunkte sich entwickeln.