Der Hovawart – Ein kleines Portrait (Teil 2)

Na, hast Du nach dem ersten Text schon Unterschiede entdeckt? Oder hast Du Hovawarte und musstest innerlich grinsen? Wie sieht es mit dem Bild aus, ist das etwas, was Dich zum grinsen bringt oder läuft es Dir eher eiskalt den Rücken runter? Na dann mal los!

Wenn ich mit meiner Hündin spiele, dann würden manche beim zuschauen sicher den Tierfänger rufen. Hochgekrempelte Hemdsärmel und meine Große die Schnauze komplett drum, Gezergel, Geknurre, Gebelle, Zähne zeigen und so weiter. Was die Wenigsten glauben, dass noch nie etwas passiert ist, nicht mal Schürfwunden. Seit sie bei uns wohnt und den Großteil unseres Lebens auf den Kopf gestellt hat spielen wir zusammen. Ich habe dabei die Spielweise der Hovawarte übernommen und versuche ebenfalls zu Knurren, zu Bellen und die Zähne zu zeigen.

In einigen Hundeschulen scheint man allerdings der Meinung zu sein, dass Hunde in Watte gepackt werden müssen. Im Gegenteil dazu, spielt meine Hündin mit meiner Frau komplett anders, denn bei ihr herrschen andere Regeln. Beobachtet man das Verhalten von Hunden einmal genau, sind sie am Anfang sehr vorsichtig und schauen wie weit sie bei dem jeweils anderen gehen dürfen. Wenden sie sich dann aber zu einem bekannten Spielpartner, wird das Spiel sofort deutlich umfangreicher, vielleicht auf den ersten Blick ruppiger. Hovawarte untereinander legen dort noch eine Schippe drauf: sie Bellen, Knurren, zeigen ihre Zähne, Haare im Nacken stellen sich mal hoch und sofort wieder runter wenn nötig. Sie beschallen nicht selten ganze Wälder oder Siedlungen und jagen sich gegenseitig hunderte von Metern über riesige Felder oder durch große Waldgebiete. Dabei wird gereizt, angesprungen und alles an Kommunikation eingesetzt was vorhanden ist. Der oder die Aufgeorderte kann die gern ignorieren, was nicht für jeden Hovi heißt, dass aufgehört wird. Geht das Gegenüber darauf allerdings ein, dann wird auf den Provokateur zugerannt mit schaumigem Maul und lautem Getöse. Nicht selten wird nur Zentimeter vorher gestoppt. Dieses Spiel geht oft so lange, bis beide komplett außer Atmen und zugeschäumt mit dem obligatorischen Speichel Faden über der Schnauze stolz nebeneinander hertrotten.

Was Beobachter oft als Kampf fehlinterpretieren hinterlässt niemals wirkliche Spuren, außer dass beide Parteien komplett nass sind. Ein Kampf oder eine Auseinandersetzung wird nicht so lautstark ausgefochten, ist deutlich kürzer und man jagt sich auch nicht durch den Wald. Meine Hündin braucht, um dem Rüden beizubringen dass er es gerade übertreibt immer so ca. 3-4 Sekunden. Man sieht auch alle Zähne, alle Nackenhaare sind oben und sie hat sich groß Aufgebaut vor ihm. Fast sofort ist alles vorbei und er trollt sich, er macht auch dann keine Spielaufforderungen mehr.

Hovis sind im Gegenzug zu den Menschen in den Hundeschulen die wir gesehen haben sehr aufmerksame Spielgefährten, die sich der Größe sofort anpassen. Für kleine Hunde legen sie sich hin, oder auf die Seite, sind vorsichtiger mit den Pfoten und deuten das meiste nur an. Ausgewachsen zeigen sie diese Vorgehensweise oft genauso. Unser Rüde hat mit unserer Aussie Hündin derart vorsichtig gespielt, bis diese das Spiel gegriffen hatte und dann gings los.

Doch warum wähle ich dieses Thema als zweiten Teil, das ist doch eh klar? Nein, ganz und gar nicht. Wie oft hab ich schon gesehen, dass Welpen Aufsichten Welpen getrennt haben, nur weil einer knurrt, den anderen zwickt oder gar bellt. Der andere Hund war komplett unbeeindruckt, trotzdem wurde getrennt. Wozu dürfen Welpen also miteinander spielen, wenn nicht mal die Aufsichtspersonen wissen, was sie da tun? Jede Rasse bringt eigene Eigenschaften mit. Leite ich also eine solche Stunde ist nicht nicht wichtig, dass die Welpen Sitz / Platz und bei Fuß lernen wie es heutzutage leider viel zu oft angewendet wird. Nein, vielmehr sollen die Hunde Sozialverhalten lernen, sie sollen lernen wie man mit anderen Hunden umgeht. Das geht nun mal nicht, wenn man sie in Watte packt. Steckt der Welpe den Schwanz zwischen die Beine und sucht Schutz, dann darf man dazwischen gehen. Dann darf man seinem Hund helfen und gegebenenfalls den anderen Welpen wegschieben.

Ich würde mir eh wünschen, das man weniger den Welpen versucht etwas beizubringen als vielmehr den Menschen. Wie knurrt man einen Hund an zum Beispiel. Wie kann man einem Hund durch unsere Sprache klar machen, was man will, denn die Worte versteht er natürlich nicht usw.

Ich durfte Hovi Welpen schon oft beobachten und hab ihre Art zu spielen sehr schätzen gelernt, denn sie sind eben nicht grob. Oft sieht man eine Aufforderung und danach direkt eine Pause wo der Welpe den Anderen beobachtet und schaut, wie kam das nun an. Das Verhalten passt sich dauernd an. Quietscht der Spielpartner sieht man fast immer einen sofortigen Stop und die Situation die dazu geführt hat wiederholt sich nicht. Das behalten Hovis, die von allen als „Butt“ betrachtet werden bei. Doch dazu muss man sie lassen.

Als Gegenpart gilt dies allerdings auch erstmal grundsätzlich nur im eigenen Rudel oder als Welpen. Erwachsene Hovis wollen erstmal nie mit fremden Hunden spielen. Ich würde mir hier noch viel mehr wünschen, die Menschen würden das endlich einsehen. Kein Hund MUSS mit dem Anderen spielen. Wenn in der Rasse Beschreibung steht, Fremden gegenüber sind sie zurückhaltend und distanziert dann ist das ernst zu nehmen. Es gibt Charaktere die gar nicht mit fremden spielen, die sind nicht kaputt. Oder sind Menschen die eher schüchtern sind auch „kaputt“? Meine Älteste Hovidame sagt zum Beispiel, wenn Du hier mitmachen willst, dann gelten MEINE Regeln. Wenn der fremde Hund das in Frage stellt, dann werden das nie Freunde. Ich weiß das, und zusätzlich habe ich drei Hunde. Sagt meine Hovidame die gleichzeitig Anführerin ist unter den Hunden, das da ist der Feind, der hält sich nicht an unsere Regeln, dann sind es drei Hunde die dem fremden Hund zeigen werden, wie das dann abläuft. Also lass ich es erstmal gar nicht erst zu, dass diese Situationen entstehen, ich habe eh drei Hunde, die sind sich erstmal gegenseitig genug. Dazu kommt noch, meine Hovis wollen mich und den Rest der Familie beschützen, immer gegen alle. So entsteht eine Safe-Zone, ein Gebiet 1-2m um mich, dass ein anderer Hund nicht betreten sollte mit der Absicht zu mir zu gehen. Will der Hund nur an mir vorbei, ist alles in Ordnung. Hunde kennen die Gesten untereinander. Im Gegensatz zu vielen anderen Rassen zeigen Hovawarte das nur immer sehr deutlich, es ist ihr Job, es sind Wachhunde. Hierzu ein Beispiel:

Vor längerem begegnete mir öfter mal eine Frau mit Ihrer Hovidame. Diese hatte die Eigenschaft, immer auf mich zuzustürmen und sich zwischen meine Beine zu schmeißen. Meine Hovidame hat ihr sofort deutlich klar gemacht, dass so etwas komplett zu unterlassen ist. Es gab keine Beißerei, es wurde laut geknurrt, Zähne gezeigt und mit angespannter Körperhaltung klar gemacht, dass dies gegen Regeln verstößt. Beim zweiten Treffen hat die fremde Hovidame es noch einmal versucht, da wurde sie auf den Rücken gedreht von meiner Hündin und das Prozedere wiederholte sich, sagen wir mal etwas deutlicher. Beim dritten Treffen hielt sich die Hovidame zurück und man konnte sich bequem unterhalten.

Hovawarte sind in solchen Situationen sehr deutlich. Diese Art wird heutzutage oft missgedeutet als Aggression. Leider wird den wenigsten Menschen der Umgang mit Hunden beigebracht bzw. dass sie sich selbst einlesen oder lernen wollen. Es ist im Umgang mit Hunden aber sehr wichtig, dass man weiß was OK ist und was nicht und die Hunde zeigen uns das auf ihre Art. Und zu Hovis gehört nun einmal intensives Spielen mit viel Getöse. Abschließend für diesen Teil, wenn ich mit meiner Hündin spiele schubse ich sie, drück sie runter, hebe sie hoch, zieh ihr die Pfoten weg, zieh ihr die Lefzen hoch, halt ihr das Maul kurz zu, nehme ihr Spielzeug weg, knurr sie an, hab auch mal nen Lachkrampf während des Spielens, greif ihr ins offene Maul, zieh ihr an der Zunge, halt ihr die Ohren zu, beiße sie usw.

Glaubt bitte nicht gleich, nur weil Euch irgendwer sagt, das ist zu aggressiv, das ist zu laut, das ist zuviel knurren usw. Fragt lieber warum. Wer sich für die Rasse interessiert, fahrt zu Züchtern und schaut Euch Würfe an, schaut wie Welpen miteinander spielen, schaut wie Elterntiere oder sogar ältere weitere Hunde mit den Welpen spielen. Wenn ihr stutzig wart, was ich so alles mit meiner Hündin mache, ich glaub wenn ihr das mal bei Welpen beobachtet habt wundert ihr Euch nicht mehr.

Das war es für den zweiten Teil, auch wenn es nicht explizit um Hovawarte ging, ist das sehr wichtig, denn wenn Hovis richtig gut drauf sind, dann können sie übermütig rumspringen und dann kann man schon mal meinen, sie haben nicht mehr alles Tassen im Schrank. Doch ist die übliche Antwort, die ein Hovi Besitzer oder Besitzerin gibt, wenn man sie fragt ab wann der 10jährige Erwachsen geworden ist normalerweise: Wir warten noch drauf. Und genau das ist ein Hovi!

Beim nächsten Mal in dem Portrait geht es um Lernbereitschaft, Lernen, die Fähigkeiten, Dinge die machbar sind, Dinge die nicht machbar sind, Arbeiten in den Hundesportarten und auf dem Hundeplatz. Wer mag, schaut dann wieder vorbei. Ich bedanke mich fürs mitlesen, habt einen wunderbaren Tag!

Kategorie Der Hovawart

Hundenarr, Leseratte und Quereinsteiger bei den Aussteigern. Mit offenen Augen durch die Welt gehen, Musik genießen, Musik spielen, mal schauen was da so kommt. Ich hab gern eine Meinung und mag es, wenn Standpunkte sich entwickeln.